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Rekonstruktionsversuch einer prächtigen Türurne aus dem Grabhügel 1 (1888) im „Wickboldschen Wäldchen“ bei Seddin

Lkr. Prignitz, Brandenburg

Jens May

Etwa ein Kilometer nördlich des sagenumwobenen »Königsgrabes« von Seddin, Lkr. Prignitz, befand sich im »Wickboldschen Wäldchen« das größte Grabhügelfeld der späten Bronzezeit im Nordwesten des Landes Brandenburg. Dort sollen ursprünglich mehr als 100 Grabhügel vorhanden gewesen sein, von denen die meisten im letzten Viertel des 19. Jh. bei Steingewinnungsarbeiten zerstört wurden. Im Jahr 1888 entdeckte man dort bei der Abtragung des größten Grabhügels eine massive Grabkammer aus Steinen mit einer außerordentlichen Ausstattung aus dem 9. Jahrhundert vor Christus. Dieser Grabhügel hat die Bezeichnung Wickbold 1 (1888) erhalten.

Die Konstruktion der Grabkammer und die Zusammensetzung der bronzenen Funde ähneln denen aus dem benachbarten „Königsgrab“. Zu den Bronzen im Grabhügel 1 (1888) zählen u.a. Schwert, Beil, Messer, Pinzette und Kamm sowie das Mundstück eines kleinen Trinkhorns und eine Schale. Genau wie im „Königsgrab“ waren die Wände der Grabkammer innen mit Lehm verputzt und mit roter Farbe bemalt. In beiden Gräbern wurden die ranghöchsten Männer Ihrer Zeit bestattet. Wahrscheinlich handelte es sich um eine Art „Häuptlinge“, denen die Kontrolle von Handelswegen an der Schnittstelle der großen bronzezeitlichen Kulturen des Nordens, Südens und Südosten oblag.

Querschnitt durch den Grabhügel Wickbold I (1888) mit Grabkammer, Türurne und Lehmschicht (a) von J. Heinke 1.6.1888 Querschnitte durch die Grabkammer mit Positionen der Türurne, des Bronzegefäßes und des Schwertes sowie Skizze der Türurne von A. Voß 7.6.1888
Abb. 1 A: Querschnitt durch den Grabhügel Wickbold I (1888) mit Grabkammer, Türurne und Lehmschicht (a) von J. Heinke 1.6.1888. B: Querschnitte durch die Grabkammer mit Positionen der Türurne, des Bronzegefäßes und des Schwertes sowie Skizze der Türurne von A. Voß 7.6.1888. A und B: SMB-PK/MVF IXd 1, IA 6

Anstatt einer bronzenen Amphore wie im „Königsgrab“ wurde im Grabhügel Wickbold 1 (1888) ein besonderes Gefäß aus Ton als Urne verwendet. Die einzige Öffnung des Gefäßes bildet ein kleiner türartiger „Durchlass“, der mit einer »Türplatte« verschlossen war. Derartige Gefäße werden als „Haus- oder Türurnen“ bezeichnet. Anders als die Bronzen aus der Grabkammer des Grabhügels Wickbold 1(1888) gelangte diese Urne nicht in die Prähistorische Abteilung des Berliner Völkerkundemuseums, sondern wurde gleich nach ihrer Entdeckung an Ort und Stelle zerschlagen und ging verloren. Aus den Tagen kurz nach der Entdeckung sind zwei Beschreibungen und Skizzen der Grabkammer mit der „Hausurne“ überliefert (Abb. 1). Deren Inhalt beruhte jedoch auf „Hörensagen“. Schon damals konnten zur Form der Urne nur Vermutungen angestellt werden. Seither irrlichtert die Türurne von Seddin-Wickbold durch die archäologische Literatur.

Bestattungen in Türurnen stellen ein sehr komplexes Phänomen dar und waren besonderen Personen vorbehalten. Die selten geübte Bestattungspraxis ist aus Skandinavien, Norddeutschland einschließlich der Prignitz, aus dem Mittel-Elbe-Saale Gebiet sowie aus Etrurien und Latium in der Zeit vom 11.- 8. Jh. v. Chr. bezeugt. Im Norden und in der Mitte können die Türurnen Merkmale von Häusern und/oder Menschen aufweisen. Manche von ihnen besitzen abstrakte Formen. Bis auf wenige Ausnahmen sind aus Italien hingegen nur hausähnliche Exemplare bekannt. Wo und wann genau das Phänomen der Türurnen seinen Anfang nahm, ist noch immer ungeklärt. Aus der Prignitz und aus der unmittelbaren Nachbarschaft sind vier hausähnliche Türurnen überliefert (Abb. 2). Offensichtlich stammen sie alle aus Männergräbern mit steinernen Grabkammern oder Steinkisten, meist mit Grabhügeln darüber.

Verschiedene Ausführungen von Türurnen
Abb. 2: Türurnen in der Prignitz: A Klein Gottschow (Götze 1912, Abb. 22), B Luggendorf (Behn 1924, Taf. 4c), C Gandow (Behn 1924; Taf. 4b), D Kiekindemark (Lisch 1874).

Im Rahmen der Erforschung der Seddiner Rituallandschaft fanden 2017 und 2018 auch archäologische Untersuchungen auf dem 1888 zerstörten Grabhügel Wickbold 1 statt (Abb. 3). Völlig unerwartet traten die Überreste von sehr alten Brandgräbern aus der Zeit zwischen ca. 1.400 und 1.000 v. Chr. auf. Die Bestattungen an diesem Ort fanden demnach über einen extrem langen Zeitraum statt. Der Grabhügel gab sich anhand der Überreste eines Steinringes an seinem ehemaligen Fuß zu erkennen. Er besaß einem Durchmesser von 24,6 m und war damit 2,5 kleiner als der Grabhügel des „Königsgrabes“. Ermittelt wurden außerdem drei Ringe aus größeren Steinen mit kleinteiligen Pflastern dazwischen. Fehlende Steine im 3. Steinring und im Pflaster deuten auf den Standort der abgetragenen Grabkammer hin (Abb. 3). In der Kammer hatte man 1888 die Türurne entdeckt, entnommen, zerschlagen und im weiteren Verlauf der Abtragungsarbeiten wieder untergegraben.

Planungsschemata einer Grabung von oben - mit Legende und Maßstab
Abb. 3: Vorläufiger Gesamtplan der Grabungen 2017 und 2018. Digitale Aufnahme der Plana und Erstellung des Plans J. Jones. Interpretationen und grafische Ergänzungen Autor.

Im direkten Umfeld des vermuteten Standortes der Grabkammer (Abb. 3) wurden bei den modernen Grabungen Scherben eines besonderen Tongefäßes gefunden. Aufgrund ihrer spezifischen Ausprägung gehören sie zur 1888 zertrümmerten Türurne (Abb. 4 A-B). Die Zuordnung anderer, weniger charakteristischer Scherben zu diesem Gefäß, konnte aufgrund der typischen pockennarbigen Oberfläche an den Innenseiten der Tonscherben vorgenommen werden (Abb. 4 C-D). Auf der Grundlage der identifizierten Scherben erfolgte ein Rekonstruktionsversuch als 3D-Modell mit Trove Sketch. Davon wurde ein »Idealmodell« abgeleitet. Gestalt, Größe und Dekor der Seddiner Urne weichen erheblich von dem ab, was nach den Quellen zu erwarten war. Mit einer rekonstruierten Höhe von ca. 50 cm handelt sich um eine der größten Türurnen in Europa. Die Komposition ihrer Dekore ist einmalig im Norden. Bei starken indigenen Wurzeln weisen die Gefäßform, die konstruktiven Details und Teile des Dekors nach Schonen, Bornholm, Jütland, Mitteldeutschland, Etrurien, Latium und Kampanien. Es scheint, als hätte der Schöpfer der Türurne Einflüsse aus vieler Herren Länder aufgesogen und in einer eigenwilligen Komposition umgesetzt. Dies konnte nur tun, wer auch Kenntnis von den Dingen weit außerhalb von Seddin hatte. Wie kein anderes Fundstück aus den reichen Gräbern der Umgebung legt die Türurne von Seddin-Wickbold besonderes Zeugnis von den weitreichenden Verbindungen der Herren von Seddin im 9. Jh. v. Chr. ab.

vier Aufnahmen von den Scherben der Türurne
Abb. 4: A–B: Auffindung der ersten Scherbe der Türurne im Sommer 2017 auf der Grabung. C-D: typische pockennarbige Magerung an der Innenseite der Scherben der Türurne. Fotos: Autor

Zugehörige Funde

Links

Literatur

  1. A. Götze, Hügelgräber bei Seddin, Kreis West-Priegnitz. Nachrichten über deutsche Altertumsfunde 11, 1894, 82–89.
  2. J. May, Eine prächtige Türurne aus dem Grabhügel 1 (1888) im Wickboldschen Wäldchen bei Seddin, Lkr. Prignitz, Brandenburg. Acta Praehistorica et Archaeologica 58, 2026, 107-150
  3. S. Sabatini, Late Bronze Age long distance exchanges, agency, and the house urn from the so-called Wickbold 1 mound. In: S. Hansen/F. Schopper (Hrsg.), Der Grabhügel von Seddin im norddeutschen und südskandinavischen Kontext. Internationale Konferenz Brandenburg an der Havel 16.–20. Juni 2014. Arbeitsberichte zur Bodendenkmalpflege in Brandenburg 33, 2018, 51–64.
  4. H. Wüstemann, Zur Sozialstruktur im Seddiner Kulturgebiet. Zeitschrift für Archäologie 8, 1974, 67–107.
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